Basler Zeitung

Tag der deutschen Vielfalt

Vor 25 Jahren fiel die abscheuliche Mauer, die Deutschland in zwei Teile getrennt hatte. Mit gutem Grund feiert man dieser Tage die Beseitigung dieses Symbols einer totalitären Gewaltherrschaft, die sich alles auf ihrem Territorium zu eigen gemacht, individuelle Spielräume ausgeschaltet und sämtliche Untertanen der alles umsorgenden SED unterstellt hatte, deren „E“ für Einheit stand – Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Das sei jetzt alles vorbei, sagt man.

Schade nur, dass jenes befreiende Ereignis des Mauerfalls schon bald von den westdeutschen Machthabern dazu missbraucht wurde, einen grossdeutschen  Einheitsstaat zu schaffen, der jenem der SED punkto sozialistischer Beglückungsrhetorik und punkto alles durchdringender zentralistischer Einheitsideologie kaum mehr nachsteht. Und eher befremdend als beglückend erscheint die schon bald vom siegreichen Westen lancierte Idee, jenes Ereignis als „Tag der Deutschen Einheit“ zu begehen. Dabei ist Einheit doch alles andere als ein Grund zum Feiern.

Denn Einheit war schon immer die aggressive Kampfparole anmassender allein selig machender Grossorganisationen, prominent etwa der katholischen Kirche. Als ungefähr gleichzeitig mit dem Berliner Mauerfall auch die konfessionelle Trennmauer zwischen Katholiken und Protestaten Risse bekam, war das Losungswort der vatikanischen Kurie nicht zufälligerweise „Ut unum sint“ (auf dass sie eins seien!), selbstverständlich mit Rom als Zentrum. Und auch mit dem feierlichen „Unus pro omnibus, omnes pro uno“ (einer für alle, alle für einen) in der Bundeshauskuppel in Bern wurde damals ja nur der neue Machtzentralismus in der Folge des Sonderbundskriegs markiert. 

Warum nun also in Deutschland die Feier einer zurückgewonnen Einheit? War etwa die Einheit vor der Trennung in Ost und West so schön und glücklich? War das nicht die Einheit des nationalsozialistischen Reichs, der ja wohl keiner eine Träne nachweint. Und auch vor den Nazis war der deutsche Einheitsstaat nicht eben erfolgreich angesichts der fragilen Weimarer Republik, die sich vor allem als Bindeglied zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg betätigte. Von der noch weiter zurückliegenden Einheit des wilhelminischen Kriegskaiserreichs erst gar nicht zu reden. Und auch die Anfänge jener Einheit im 19. Jahrhundert mit dem deutsch-französische Krieg und dem autoritären Machtgehabe Preussens sind ja wohl kaum, was man sich heute zurückwünscht.

Erst wenn man noch weiter zurücksucht, findet man ein Deutschland, das sich nicht durch Krieg, sondern durch Kultur, Wissenschaft und wirtschaftliche Neuerungen auszeichnet. Das Deutschland der grossen Klassiker, der wissenschaftlichen Entdeckungen und der politischen Aufklärung. Und jenem Deutschland einen Feiertag zu widmen, macht ja durchaus Sinn. Doch jenes Deutschland war – wen wundert’s? – gerade nicht ein solches der Einheit. Das war noch das vielfältige, politisch gänzlich zersplitterte Deutschland der vielen Herzogtümer, Königreiche, Erzbistümer oder Stadtrepubliken. Das war jener reichhaltige Nährboden für neue Ideen, kreative Konkurrenz, Auseinandersetzungen auf Augenhöhe und permanenter gegenseitiger Begrenzung allzu geballter Machtgelüste.

Herzlichen Glückwunsch zum Tag der deutschen Vielfalt!