Basler Zeitung

Der jämmerliche Souverän

Der israelische Historiker Yuval Harari bringt es in seinem Bestseller „Sapiens – eine kurze Geschichte der Menschheit“ auf den Punkt: Was den Homo Sapiens von anderen Affen unterscheide, sei seine Fähigkeit, Realitäten zu erfinden. Der Schimpanse sei da realistischer. Etwa wenn er sich für seine politischen Strukturen auf die real existierende Horde von fünfzig Leuten und ein Alphatier beschränke. Der Homo Sapiens dagegen stelle sich in seinem etwas gar gross gewordenen Gehirn so merkwürdige Dinge vor wie einen Staat, der aus mehreren Millionen Menschen bestehe. Und wenn es dann um die Frage gehe, wer in diesem Phantasiegebilde das Sagen habe, so erfinde er wahrlich skurrile Mythen. So sei es auch nicht erstaunlich, dass etwa der Mythos des göttlich eingesetzten Königs in Frankreich anno 1789 so quasi über Nacht vom Mythos des souveränen Staatsvolks abgelöst wurde.

Markus Somm kam kürzlich in diesen Spalten ebenfalls auf den französischen König und auf das souveräne Staatsvolk zu sprechen. Mit einem Hohelied auf das Schweizervolk als den „lässigen Souverän“. Gleich lässig, wie sich seinerzeit der französische Sonnenkönig bei Lustlosigkeit um Regierungsgeschäfte foutieren konnte, so könne sich auch heute das Schweizervolk eine lustlos tiefe Wahl- und Stimmbeteiligung erlauben. Gerade darin liege seine wahrlich souveräne Souveränität.

Bei allem Respekt vor den meisterhaften Analysen und der virtuosen Feder von Chefredaktor Somm überzeugt mich hier die Optik Hararis doch eher. Denn wenn man resignierte Teilnahmslosigkeit mit Souveränität des Schweizervolkes gleichsetzt, so hat dies wenig mit Wirklichkeit und ziemlich viel mit Mythos zu tun. „Souveränität“ bedeutet doch, das Sagen zu haben. Nicht zufällig hat den Begriff ein französischer Staatsdenker des 16. Jahrhunderts, Jean Bodin, geprägt und damit dem neu aufkommenden Absolutismus theoretischen Schub verliehen: Souverän sei, wer das Sagen hat. Das konnte damals nur der König sein. 

Als es mit diesem dann 1789 vorbei war und sich die Frage stellte, wer nun neu das Sagen habe, da sprachen zwar alle vom Volk. Doch in der Realität war es die immer stärkere Zentralverwaltung oder der populäre Bürgerkönig oder die sozialistische Revolutionspartei. Das Rennen all dieser Modelle machte schliesslich der republikanische Nationalstaat. Dieser nahm dann an der Stelle des Königs in dessen fürstlichem Palast Platz. Und wo es keinen solchen gab, wie in der Schweiz, da baute er sich einen neuen, am Bundesplatz in Bern. Seither residiert er dort und hat das Sagen. Er ist der Souverän. Das Volk wird nach wie vor und mehr denn je von ihm beherrscht.

Und mag es noch sein, dass das Volk bei der Ernennung des nationalstaatlichen Personals ein kleines bisschen mitredet, so hat dieses Personal dann trotzdem die Funktion, das Volk zu beherrschen. Und mag es noch sein, dass das Volk bisweilen dem Nationalstaat bei dessen politischen Geschäften ein kleines bisschen dreinredet (in der Schweiz sogar noch etwas weniger selten als anderswo), so ist das weit entfernt von dem, was man das Sagen nennen könnte. Da braucht es schon die Erfindungsfähigkeit der Grosshirnrinde des Homo Sapiens, darin den Ausdruck hehrer Souveränität zu sehen.

Schimpansen würden es ein jämmerliches Kuschen nennen.