Basler Zeitung

SP-Neusprech

SP-Neusprech

Kennen Sie den apokalyptischen Politroman „1984“von George Orwell? Geschrieben hat er ihn im Jahr 1948. Kurz zuvor hatte man den nationalsozialistischen Staatsterror überwunden. Doch Orwell spürte, dass die Gefahr eines nächsten und vielleicht noch schlimmeren Totalitarismus nicht gebannt war. Vielleicht schon bald – wenn sich die beiden letzten Stellen der Jahreszahl 1948 in 1984 vertauscht haben würden – beherrscht uns ein noch perfekteres Gewaltregime. 

Der Roman schildert nebst eher konventionellen Attributen staatlicher Totalitarismen – Bespitzelung, Denunziantentum, Folterkeller, Hinrichtungen, Kriegsführung, Hungersnot etc. – noch eine sehr spezielle Unterwerfungs- und Beherrschungstechnik, nämlich „Newspeak“ oder auf deutsch „Neusprech“. Das ist die gezielte Verzerrung der Sprache bis hin zur gänzlichen Umkehrung ihrer Bedeutung ins genaue Gegenteil. Nützlich ist dies vor allem dann, wenn es darum geht, die Leute glauben zu lassen, all die vielen Zumutungen des Regimes seien im Grunde etwas Gutes und Schönes.

Konkret muss man sich das etwa so vorstellen wie die Abstimmungsplakate der SP, die zurzeit in unserer Region zu bewundern sind:

Da teilt uns etwa ein besonnen lächelnder Ständerat den folgendes Satz mit: „Ich stimme für die Medienvielfalt“. Damit wirbt er nun aber nicht gegen, sondern für eine noch stärkere Konzentration des staatlichen Fernseh- und Radiomonopols. Nämlich für ein Regime, bei dem alle Leute im ganzen Land, ob Sie einen Fernseher haben oder nicht, und sogar alle Unternehmen, eine Fernsehsteuer zahlen müssen, aus der dann unsere zentralstaatlichen Informationsverwalter ihren landesweit aktiven Wahrheitsapparat noch weiter ausbauen können. – Vielfalt?

„Ich entscheide mich für die Entlastung des Mittelstandes“, teilt uns ein ebenfalls lächelnder Nationalrat mit. Damit wirbt er aber nicht gegen, sondern für eine neue Erbschaftssteuer von satten 20%, deren verheerendste Auswirkung just bei mittelständischen Unternehmen eintritt. Sie wird unweigerlich dazu führen, dass gerade dann dem mittelständischen Geschäft grosse Geldbeträge entzogen werden, wenn es in einem heiklen Generationenwechsel steht. – Entlastung?

„Ich entscheide mich für mehr einheimische Fachkräfte“, teilt uns eine Ständerätin mit, deren Gesichtsausdruck den Anschein macht, als wäre sie über ihre eigene Aussage erstaunt. Denn mit ihrer geradezu SVP-verdächtigen Parole hat das, wofür sie wirbt, nicht viel zu tun: nämlich für eine neu einzurichtende zentralstaatliche Bürokratie zur Geldverteilung an Leute, dies es brauchen oder auch nicht brauchen, ob Schweizer oder Ausländer, die sogenannte Stipendieninitiative. – Einheimische Fachkräfte?

Und noch etwas an dieser Kampagne ist Neusprech: „Ich entscheide mich für …“ und „Ich stimme für …“ oder auf anderen Plakaten „Ich will …“ bedeutet nämlich nicht einfach, dass diese freundlichen Ichs all diese Dinge wollen. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Wenn sie den Spleen haben, von einer einzigen Fernsehanstalt beglückt zu werden, eine 20%-ige Erbschaftssteuer zu zahlen oder einen unkontrollierbaren Stipendientopf zu stopfen, dann will ihnen ja niemand davor sein. Doch darum geht es ihnen nicht; es geht ihnen nicht um ihr Ich, sondern darum, ihre Spleens auch denen aufzuzwingen, die sie nicht wollen. Notfalls mit Zwang – wie anno 1984.