Basler Zeitung

Wilhelm und die beiden anderen Telle

Morgen feiern wir ja wieder unseren patriotischen Freiheitsmythos von Wilhelm Tell, Rütlischwur und so. Mit dem Rütlischwur konnte ich zwar nie besonders viel anfangen. Vielleicht weil es schon bei Schiller klar wird, dass dies eine wenig repräsentative Veranstaltung der classe politique war:

„Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier des ganzen Volkes, die Besten sind zugegen.“

Ganz anders Tell. Der hat es mir schon immer angetan. Denn ihm war es nicht so sehr ums reden, sondern ums handeln. Diplomatie und lange unentschlossene Debatten überliess er gerne anderen. Er zog die Tat vor, wenn es galt, mit der Axt sein Haus zu bauen, mit starker Hand einem Steuerflüchtling über den stürmischen See zu helfen oder mit seiner Armbrust einen unverschämten Vertreter aus der fernen Regierungszentrale ins Jenseits zu befördern. Wenn es um Unterwerfungsschikanen ging – Stichwort Gesslerhut – so legte Tell nicht grossen Wert auf Compliance. Und bei der Sicht der Obrigkeit zum Kindeswohl – Stichwort Apfelschuss – sträubten sich bei Tell die Nackenhaare.

Mehr als die Axt im Haus wird kaum historisch sein. Doch in einem anderen Sinn ist die Geschichte trotzdem wahr. Als Freiheitserzählung, die einem bekannt vorkommt, wenn man sie zum ersten Mal hört. Immer vorausgesetzt, man habe ein Flair für Freiheit. So gab es schon immer irgendwelche phantasievoll variierten Tellengeschichten, längst vor dem Meisterwerk von Friedrich Schiller. Zum Beispiel im Bauernkrieg des 17. Jahrhunderts, als man nicht nur von einem, sondern gar von drei Tellen erzählte. Vermutlich war dies eine Mischung aus den drei Rütli-Schwörern und dem Tell als Einzelkämpfer. So lesen wir in einer von den Brüdern Grimm erzählten Mini-Sage:

„In der wilden Berggegend der Schweiz um den Waldstättersee ist nach dem Glauben der Leute und Hirten eine Felskluft, worin die drei Befreier des Landes, die drei Tellen genannt, schlafen. Sie sind mit ihrer uralten Kleidung angetan und werden wieder auferstehen und rettend hervorgehen, wann die Zeit der Not fürs Vaterland kommt. Aber der Zugang der Höhle ist nur für den glücklichen Finder.

Ein Hirtenjunge erzählte folgendes einem Reisenden: Sein Vater, eine verlaufene Ziege in den Felsenschluchten suchend, sei in diese Höhle gekommen, und gleich, wie er gemerkt, dass die drei drin schlafenden Männer die drei Tellen seien, habe auf einmal der alte eigentliche Tell sich aufgerichtet und gefragt: »Welche Zeit ist's auf der Welt?« und auf des Hirten erschrockene Antwort: »Es ist hoch am Mittag«, gesprochen: »Es ist noch nicht an der Zeit, dass wir kommen«, und sei darauf wieder eingeschlafen. …“

Gute Frage: Welche Zeit ist’s auf der Welt in Sachen Freiheit? Staatstrojaner im Internet, automatischer Informationsaustausch, gläserne Bürger, wuchernde Finanzmarkt-, Umwelt-, Sozial-Regulierungen, totalitäre Familienschutzbehörden, flächendeckend kultivierte Compliance-Sucht. Wo ist bloss der Zugang zur Tellen-Höhle? Es scheint nicht einfach, den Weg dorthin zu finden. Die Grimm’sche Sage endet nämlich so:

„… Der Vater, als er mit seinen Gesellen, die Telle für die Not des Vaterlands zu wecken, nachher oft die Höhle gesucht, habe sie doch nie wiederfinden können.“