Basler Zeitung

Birthday Party am Äquator

Dieser Tage feiert Singapur seinen 50. Geburtstag. Es hat auch allen Grund zum Feiern, wenn man bedenkt, was in so kurzer Zeit aus dieser kleinen sumpfigen Insel am Äquator geworden ist. Aus einem verrotteten Flecken am Rand des kollabierten Britischen Empire, wo es an allem fehlte, an Bodenschätzen, Trinkwasser, Bildung und Kultur, von London vergessen und von den malaysischen Nachbarn gemobbt, entstand in wenigen Jahrzehnten ein Wirtschaftszentrum, das heute unter den Top Ten der Welt figuriert. Nicht nur ökonomisch, auch punkto Korruptionsfreiheit, Sauberkeit und Ökologie. – Ein bisschen wie die kleine Schweiz, die vor zweihundert Jahren das Armenhaus Europas war und fast verrottet wäre im Getümmel des damals kollabierten Ancien Regimes.

Wie hat das Singapur in derart kurzer Zeit geschafft? Wie immer gibt es viele Gründe. Ein Grund heisst Lee Kuan Yew, der 1965 als junger Regierungschef das Projekt Singapur lancierte und während Jahrzehnten beharrlich verfolgte, mit Geschick und Professionalität. Und nicht zuletzt mit autoritärer Härte. Doch diese war wohl kaum der Grund für den Erfolg. Sie mag dem Temperament von Lee entsprochen haben, vielleicht auch der Unterwerfungsbereitschaft, die man asiatischem Konfuzianismus nachsagt. Insofern wird sie den Aufschwung nicht behindert haben. Doch als Rezept für wirtschaftlichen Erfolg wird Despotismus niemals taugen.

Das war auch Lee bewusst. Eine starke Hand mag in unruhigen Krisenphasen hilfreich sein, doch Wohlstand bringt nicht sie hervor. Das muss man andern Kräften überlassen. Den Kräften der Privatwirtschaft mit ihrem unerschöpflich reichen Potenzial an Ideen, Geschicklichkeiten, Fleiss und Wohlstandsambitionen. Da hat die starke Hand des Staates nichts verloren. So wenig wie bürokratische Schikanen und gar Korruption. So wenig wie moralisierende Verbote von Spielkasinos oder Autorennen. So wenig wie Beschnüffelungen durch Fiskalbehörden und all die vielen Fesseln eines wuchernden Sozialstaats. – Seine starke Hand von all dem fern zu halten, sich auf die Grundstabilität der Gesellschaft zu beschränken, das war der Kern von Lees Programm. 

Natürlich gab und gibt es auch in Singapur nicht nur die reine Lehre staatlicher Non-Intervention. Etwa im Wohnbereich agiert der Stadtstaat Singapur als dominanter Anbieter. Seine Wohnungen sind beliebt und werden gut gemanaged, aber wirtschaftspolitische Sündenfälle sind sie trotzdem. Und mag man sie noch mit dem Stabilitätsbedürfnis des noch jungen Inselstaates angesichts einer explodierenden Bevölkerung entschuldigen, so sind sie gleichwohl nicht die Wohlstandstreiber, so wenig wie die starke Hand der staatlichen Regierung.

Man kann nun diesen Gedanken weiterspinnen und feststellen, dass die unruhige Gründungsphase heute vorbei ist und es somit die Stabilisatoren der starken Hand, des Housing-Programms oder anderer Staatsinterventionen nicht mehr braucht. Also könnte man doch Singapur zum 50. Geburtstag das Geschenk machen, auch das Grundbedürfnis nach gesellschaftlicher Stabilität dem unermesslich reichen Potenzial der freien Privatwirtschaft zu überlassen. Kaum vorzustellen, welch gewaltigen Zusatzschub an Wohlstand, Stabilität und Zufriedenheit dies auslösen würde!

Aber was gebe ich da fremden Ländern Ratschläge, machen wir dieses Geschenk doch der Schweiz!