Basler Zeitung

Symptome des Spätetatismus

 

Stefan Blankertz, ein deutscher Anarchokapitalist der ersten Stunde – den ich auch persönlich sehr mag – hat den träfen Begriff des Spätetatismus geprägt. Er meint damit die in den letzten Jahrzehnten angeschwollene und so gut wie allgegenwärtige Staatspräsenz. Sie ist getragen von einem kritiklosen Staatsglauben und einer missionarischen Staatsverbreitung, die sich höchstens noch quantitativ, nicht mehr auch qualitativ steigern lässt. Lebensbereiche, in denen der Staat grundsätzlich nichts zu suchen hat, gibt es im Spätetatismus nicht mehr. Und dessen immer offensichtlicher zu Tage tretender Misserfolg als Glücks- und Friedensbringer wird kompensiert durch eine nur umso fanatischer  wuchernde Staatsverherrlichung.

Was wir zurzeit von all den Staaten dieser Welt vorgeführt bekommen, schaut schwer danach aus, dass der inzwischen vollends morbid gewordene Spätetatismus in seinen letzten Zuckungen liegt. Vorboten des baldigen Endes eines Regimes, von dem die Geschichte dereinst sagen wird, es sei im 21. Jahrhundert geräuschvoll zerborsten. Mit brutalen letzten Ausschlägen und bis zum Schluss mit einem riesengrossem Maul.

Schauplatz Flüchtlingsströme: Staaten bombardieren Zivilisten im Nahen Osten. Ein neu entstandener Terroristenstaat massakriert die Zivilbevölkerung und vernichtet Kultur- und Religionsdenkmäler. Korrupte Staaten in Afrika lassen ihre Bevölkerung leiden und hungern. Staaten in Westeuropa gefallen sich darin, den Opfern jener anderen Staaten zuzurufen, sie sollen doch zu ihnen kommen, wo es ihnen an nichts fehlen werde. Also fliehen viele Opfer jener bösen Staaten des Ostens und Südens in diese guten Staaten des Westens. Doch andere Staaten versperren die Fluchtwege mit Stacheldrähten und Schlagstöcken. Wollen Privatleute Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen, verhindern dies Staaten mit bürokratischen Schikanen. Normale Transportmittel wie Fährschiffe, Autobusse, Car-Pools, Eisenbahnzüge, Mietautos oder Taxis werden von Staaten behindert, sodass sich ein bisweilen gefährliches Schlepperwesen herausbildet. Kommen Flüchtlinge schliesslich doch noch lebend in den westlichen Staaten an, verbieten ihnen diese, zu arbeiten. Stattdessen weisen sie sie in Flüchtlingszentren, die mit Geld bezahlt werden, das diese Staaten vorher den Leuten unter dem Titel „Steuern“ gestohlen haben. Kommt es zu Protesten, tadeln dies die Staaten als böse Herzlosigkeit. 

Schauplatz Euro- und Griechenlandkrise: Das soeben noch geschnürte staatliche Hilfspaket wird gar nicht anders als im Konkurs des ganzen Geld- und Staatensystems enden können, angesichts der Hunderten von Milliarden an ungedecktem Falschgeld, mit dem die Staaten das Problem an die nächste Generation weiterschieben.

Schauplatz Ukraine: Krieg zwischen westlichen Staaten und dem russischen Staat mit Verletzen und Toten, Drohung mit Atomwaffen hüben und drüben. Und noch viele sonstige Schauplätze staatlicher Glücks- und Friedensverschaffung mehr.

Nur ein letztes Beispiel noch aus Peking: Gigantische Militärparade in der Art nationalsozialistischer Massenaufmärsche. Mit der sinnigen Begründung, es gehe um die Wahrung des Weltfriedens. Wirres Lallen im offensichtlich fortgeschrittenen Stadium des tödlichen Fieberwahns.

Und das Regime dann nach den Staaten? Sicher besser als das, was uns der Spätetatismus gerade zum Besten gibt.