Basler Zeitung

Glauben Sie an das Christkind?

Noch kurz etwas Blasphemisches zum Abschluss des Jahres. Und zum Abschluss meiner regelmässi­gen Freitagskolumnen. Denn damit werde ich nun aufhören (manche Leser wird es freuen). Aber nicht um überhaupt aufzuhören, sondern um inskünftig weniger, dafür aber längere Beiträge zu schreiben (jene Leser wird es ärgern). Doch eines wird sich mit Sicherheit nicht ändern: meine Skep­sis gegenüber naiver Staatsgläubigkeit.

Womit wir nun also beim Thema des naiven Glaubens wären. Und damit bei meiner Frage in der Überschrift: Glauben Sie wirklich an das Christkind? Dass dieses nächste Woche, begleitet von Engeln des Himmels, in die vielen Wohnstuben schwebt und Geschenke unter die vielen Weihnachtsbäume legt? Und dass dies das gleiche Kind ist, das vor gut zweitausend Jahren vom Heiligen Geist empfan­gen und von der Jungfrau Maria geboren wurde? Glauben Sie das wirklich?

Ich frage nicht einfach, ob Sie sich auf ein friedliches Weihnachtsfest freuen. Ich frage auch nicht, ob sie den Geschichten von der Jungfrau Maria und von den Christkindgeschenken allenfalls metaphori­sche Sinnhaf­tigkeit oder stimmungsvolle Poesie zubilligen. Sondern ob sie diese Geschich­ten wort­wörtlich glauben. Ob die offensichtlich skurril konstruierte Jungfrauengeburt und die ebenso offen­sichtlich skurril konstruierte Himmel-Erde-Geschenkpost für Sie wahre und objektive Tatsachen sind.

Und wenn ich nach Ihrem Glauben frage, dann nicht einfach dahin, ob Sie der Meinung seien, dass diese Christkindgeschichten stimmen, sondern ob diese Ihre Meinung ganz besonders glühend sei. Das Wort Glauben hat nämlich mit Geloben oder mit Gelöbnis zu tun. Wer etwas glaubt, der gelobt, ihm anzugehö­ren, in ihm aufzugehen, ihm zuzurufen wie weiland Bruder Klaus: „Nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir!“ Ein solcher Glaube kann dann derart stark werden, dass er, wie man sagt, ganze Berge versetzt und nicht selten in Glaubenskriege ausartet. In äusserst aggressive Kriege gegen Ungläubige und erst recht gegen Andersgläubige. Einem solch glühenden Glauben sollen stets auch alle ande­ren anhängen und notfalls auch dazu gezwungen werden. Also nochmals: Glauben Sie in diesem aggressi­ven Sinn tatsächlich an das Christkind?

Selbstverständlich nicht!

So glaubt doch heute in unserem aufgeklärten Westen niemand mehr. Einer Überzeugung, einer Kirche oder sonst einer Bewegung anhängen kann man zwar nach wie vor, doch ist dies heute Privat­sache. Man mag daran glauben, oder auch nicht. Glaubenskriege sind vorbei. Jeder soll nach seiner Façon selig werden. Ob mit oder ohne Christkind, ob mit oder ohne Buddha, ob mit oder ohne Scien­tology, ob mit oder ohne irgend­eine andere Organisation.

Jedoch mit einer prominenten Ausnahme, nämlich der Organisation, die sich Staat nennt. Diese lebt von ei­ner Gläubigkeit, die alle Züge jenes naiven, glühenden und vor allem zwingenden Glaubens trägt. So hält sie beispielsweise die offensichtlich skurril konstruierte Geschichte von der demokrati­schen Legitima­tion Bundes­berns für eine objektive Tatsache, die es strikt zu glauben und vor allem zu befolgen gelte. Wie viel passender wäre es doch, dieser Demokratiegeschichte das Gleiche zuzubilli­gen wie der Jungfrauen- und der Christkindgeschichte, nämlich metaphorische Sinnhaftigkeit oder stimmungsvolle Poesie. Man mag daran glauben, oder auch nicht.