Basler Zeitung

Die hässliche Fratze des Leviathan

Sie wissen nicht, wer Leviathan ist? In den letzten Tagen hatten Sie eine gute Gelegenheit, sich ein Bild von ihm zu machen. Sie mussten nur die Berichterstattungen aus der Ukraine verfolgen. Da sahen sie ihn, wie er vor den Augen der Weltöffentlichkeit komplett ausrastete, wie er blind vor Wut um sich schlug und Tod und Verwüstung brachte. Und dies einzig deshalb, weil das Volk sich erdreistet hatte, seine Vormacht in Frage zu stellen. Das war Leviathan höchstpersönlich.

Jener schon im Buch Hiob des alten Testaments beschworene Drache, dessen einziges Trachten das Herrschen ist, der stets das letzte Wort hat und den letzten Prankenhieb. Jene Verkörperung der ultimativen Macht: „Es gibt über dem Erdenstaub nicht seinesgleichen, geschaffen, um sich nie zu fürchten. König ist er über alle.“ Kein Wunder, wurde diese Hiob-Stelle immer wieder als Symbol der absoluten Staatsmacht zitiert. Besonders prominent tat dies Thomas Hobbes im Jahr 1651 mit seinem Buch „Leviathan“, mit dem er nicht nur die Macht des damaligen Königs umschrieb, sondern sie auch begründete und legitimierte. Es sei nötig, so schrieb er damals allen Ernstes, dass alle Macht des Volkes an eine einzige Zentrale abzugeben sei, ansonsten sich ja alle nur gegenseitig kaputt machen würden. Das war natürlich plumpes monarchistisches Marketing. Das Dumme ist nur, dass man das noch heute glaubt und alles Heil des Volkes darin sieht, seine Macht an eine einzige Zentralestelleabzugeben. Zum Beispiel das ukrainische Volk an die Regierung Janukowitsch.

Und was diese Zentrale mit ihrer Macht tut, ist so simpel wie unausweichlich. Sie miss-braucht sie für ihre eigenen Interessen. Sie steckt politische Gegner ins Gefängnis. Sich dagegen wehren können sich diese nicht, weil sie eben alle Macht zuvor abgeben mussten. Eine faire Gerichtsbeurteilung bekommen sie auch nicht, weil die Richter auf der Lohnliste der Machtzentrale stehen. Und politischen Widerstand hält man mit dem Argument auf Distanz, die Regierung sei demokratisch gewählt. Also sei es legitim, dass sie allein über alle Macht verfüge. Nachzulesen bei Hobbes‘ „Leviathan“, dessen Buchdeckel ein gewaltiger Riese schmückt mit Krone, Zepter und Schwert. Und einem freundlichen, weisen und verantwortungsbewussten Gesichtsausdruck.

Doch jetzt in der Ukraine hat er sein wahres Gesichtgezeigt, eine ausgesprochen hässliche Fratze. Als das Volk den Machtmissbrauch satt hatte und auf die Strasseging, tat Leviathan alles, um seine Macht zu erhalten. Und je stärker der Widerstand des Volkes war, desto rücksichtloser wurden seine Methoden zur Erhaltung seiner Macht. Zuletzt war es scharfe Munition. Zum Glück war dies bloss noch ein letztes Aufbäumen des schon ziemlich ramponiertenRiesen, der dann auch bald einbrach und seinen Geist aufgab.

Nie wieder Leviathan, hört man allenthalben. Nie wieder dieser Riese, dem man all seine Macht abgibt! Nie wieder das Hobbes’sche Mono-Prinzip und seine missbrauchsanfällige Mon-Archie – nur noch das Gegenteil davon, nur noch eine dezentrale monopolfreie Ge-sellschaftsordnung, nur noch An-Archie!

Warum die NZZ (die ich sonst gerne lese) angesichts der ukrainischen Schreckensbilder von der „hässlichen Fratze der Anarchie“ schrieb, bleibt wohl ihr Geheimnis.